Warum hasse ich…Inglourious Basterds?
In der Architekturtheorie gibt es den Begriff des Postmodernismus. Verwendet wird er zumeist, um sich abfällig über diejenigen Bauwerke der Postmoderne zu äußern, die jegliches Maß verloren haben und frei von jedem Geschmack bis in den Exzess Bauelemente der Architekturgeschichte zitieren. Als Rechtfertigung solcher architektonischer Masturbation muss dann in der Regel auch die Geliebte aller Wankelmütigen herhalten: die Ironie. (Ein stichhaltiger Beweis dafür, dass der Humor vieler Architekten wohl keinen Deut besser ist als der der meisten Mathematiker.)
Okay, ihr werdet euch jetzt vermutlich fragen was dieser kleine Exkurs in die Architekturtheorie mit den “Inglourious Basterds” zu tun hat. Nun, wenn es einen Regisseur gibt, dem man getrost vorwerfen könnte, dass seine Werke filmischer Postmodernismus sind, dann Quentin Tarantino. Auch die Basterds sind eine einzige maßlose Ansammlung von Filmzitaten. Da wären die ziemlich offensichtlichen (und unüberhörbaren) Anleihen beim Spaghettiwestern (Grüße von Sergio Leone und Ennio Morricone) oder natürlich der Film Noir. (Mein Gott, selbst die 80′er werden verwurstet.)
Sicher, zitieren ist nichts schlimmes, im Gegenteil der Durchschnittskritiker freut sich über jedes Zitat, kann er dann doch endlich mit seinem ansonsten völlig unverwertbaren cineastischen Wissen glänzen. Insofern sind die Basterds eine wahre Fundgrube ekstatischen Glücks für jeden Cineasten. Der Punkt ist nur, dass die Art und Weise wie Tarantino zitiert oft völlig Sinn- und Stillos erfolgt und schon gar nicht der Filmdramaturgie dient. Sorry, aber Zitieren als Selbstzweck ist Mist, auch wenn es das Geschehen “ironisieren” mag. Gerade der Einsatz der musikalischen Zitate sorgt das eine oder andere Mal für mehr als ein wenig Irritation. (ziemlich interessant, wenn man bedenkt, das Tarantinos Filme ihren Erfolg gerade auch der verwendeten Musik verdankten).
Trotzdem ist Inglourious Basterds ein genialer Film (tut mir leid Moe, wieder ein Film den ich mag;), denn Tarantino gelingt hier etwas, was ich so noch bei keinem anderen Kinobesuch erlebt habe: er offenbart die Unzulänglichkeit der Kinobesucher. Der Film ist eigentlich eine Ohrfeige für alle Tarantinofans. Er mimt die Hure für den Zuschauer, bedient dessen perverse Gelüste nach Gewalt und Blut, um ihn letzten Endes die eigene moralische Verwerflichkeit vor Augen zu führen. Er geht dabei so geschickt vor, dass den meisten Besuchern nicht einmal bewusst wird, das ihnen ihr großes Idol gerade ins Gesicht gespuckt hat. Dabei ist diese “Pointe” recht simpel gestrickt: Tarantino zeigt uns ein Kino voller Nazis, die sich an den Gewaltexzessen eines Propagandafilms ergötzen. Er spiegelt auf dieser Weise geschickt die Reaktionen der realen Zuschauer auf Inglorious Basterds. Der willige Zuschauer wird dazu ermuntert, sich daran zu erfreuen, wie Nazis und Wehrmachtsoldaten abgeschlachtet werden, um dann mit dem Nazipublikum konfrontiert zu werden. Getrost dem Motto: “Wer in den letzten zwei Stunden gelacht und gegrölt hat, ist auch nicht besser als diese Nazis.”
Ich halte eigentlich nichts davon, wenn das Publikum beschimpft wird (oder für blöd verkauft wie in Machwerken á la Armageddon), aber Basterds nehme ich hiervon aus, denn Tarantino fordert seine Zuschauer mit Basterds zum Nachdenken auf…alle Achtung.
9/10
Btw: Der Film sollte unbedingt im Originalton angesehen werden, allein schon wegen Christoph Waltz, der hier wirklich jeden an die Wand spielt.
Schlechte Besprechung – Gute Bewertung !?
Tags: architekturtheorie, christoph waltz, ennio morricone, film noir, Inglorious Basterds, inglourious basterds, Kritiken, nazi, postmoderne, postmodernismus, Quentin Tarantino, sergio leone



Ahh, sehr schön seziert, ich dachte schon die Diskussion um Juden, die Nazis ermorden dürfen hört nie mehr auf.;)
Danke, Lob hört man immer gern.
Deinen Blog kannte ich übrigens noch nicht (und ich dachte ich hätte in dem Bereich halbwegs den Überblick). Werd’ in Zukunft öfter Mal vorbeischauen.
Gerne.^^ Ich empfand es als sehr enttäuschend, daß große Teile der deutschen Kritik nur den Blick für die Darstellung der Nazis hatte und der Darstellung der Basterds dabei überhaupt keine Beachtung schenkte. Wenn Aldo Raine die Nazis mit auf der Stirn eingeritzten Hakenkreuzen kennzeichnet hat das eindeutig eine tiefere Bedeutung als die Freude an Exploitation.
“Wenn Aldo Raine die Nazis mit auf der Stirn eingeritzten Hakenkreuzen kennzeichnet hat das eindeutig eine tiefere Bedeutung als die Freude an Exploitation.”
Ja, das sehe ich genau so. Meine Freundin assoziierte das zum Beispiel spontan mit KZ-Tätowierungen, die die Überlebenden ja auch für den Rest ihrer Leben “brandmarkten”.
Oder der Einfachheit halber eben als Allegorie zum Judenstern. Ich weiß auch nicht, warum viele anscheinend Angst haben Tarantino so etwas ungeheuerliches zuzutrauen.;)
“…haben Tarantino so etwas ungeheuerliches zuzutrauen”
Ich denke die meisten befürchten einfach, das ihre Interpretation auf sie zurückfallen könnte. Das es plötzlich heißt: “Wer so etwas in den Film hinein interpretiert muss ja selbst einen gewaltigen Schuss haben.” Also blendet man diese Aspekte des Films halt komplett aus – dann ist man auf der sicheren Seite.
Dabei ist der Film doch auch in anderer Hinsicht ziemlich provokativ. Die Basterds werden schließlich deutlich als terroristische Vereinigung gezeichnet, die offizielle Militäreinheiten in Hinterhalten niedermetzelt und auch nicht vor Selbstmordbombenattentaten zurückschreckt…da müssen doch einige Leute in den US-Kinos kräftig geschluckt haben. Solche Stories laufen bei denen ja nun schon seit Jahren in den täglichen Nachrichtensendungen…aber nicht gerade unter der Rubrik “Heldentaten”.
[...] Der beste Film: Inglourious Basterds Der schlechteste Film: The Spirit (eigentlich von 2008, aber da er bei uns erst 2009 gestartet [...]