Warum hasse ich…Das Kabinett des Dr. Parnassus!?
Eine Kritik über “Das Kabinett des Dr. Parnassus” zu schreiben gestaltet sich ungewöhnlich kompliziert…zumindest in meinem speziellen Fall. Zuerst wollte ich nur ein paar Zeilen schreiben, dann wurde daraus ein Plädoyer für “schlecht” geschriebene/geschnittene Filme, das ich komplett löschte weil es prätentiöser Mist war (also in einem noch größeren Umfang, als das in der Regel ohnehin bei mir der Fall ist) und nun versuche ich mich erneut an einer kürzeren Kritik. Woran liegt das? Nun, Parnassus ist ein etwas ungewöhnlicher Film – inhaltlich wie formal.
Die Story des unsterblichen Dr. Parnassus, der mit seiner heruntergekommen Gauklertruppe durch die Welt tingelt, ist – typisch für einen Film von Terry Gilliam – skurill und verquer. Zentrales Handlungselement ist dabei der Spiegel des Dr. Parnassus. Wer durch diesen hindurch tritt findet sich in der Gedankenwelt des Doktors wieder, die den Besucher mit dessen eigenen Phantasien in surrealen Traumwelten konfrontiert. Um diesen Spiegel herum entwickeln sich mehrere mteinander verwobene Handlungsstränge: ein Wettstreit mit dem Teufel, eine Dreiecksbeziehung innerhalb der Gauklertruppe und die Frage nach der Identität des dubiosen Fremden, der die Gauklertruppe zu neuem Erfolg führt.
Die Resonanz im Kinosaal fiel recht negativ aus. Eine jüngere Zuschauerin, die wohl wegen des massiven Aufgebots männlicher Stars (die Hauptrolle wird episodenweise von Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law und Colin Farell gespielt!) ins Kino gefunden hatte, meinte gar lautstark: “Da is’ denen wohl mal wieder garnix eingefallen.” Dabei dürfte das Problem eher gewesen sein, das “die” zu viele Einfälle hatten. So viele Einfälle, dass der durchschnittlichen Kinogänger, der sein Glück im zur Dauerberieselung geeigneten Mainstreamkino findet (und das meine ich jetzt keineswegs abwertend) einfach “zu” macht. Quasi nebenher macht der Film Aussagen über Liebe, Religion, Medien, Institutionalisierung, Kommerzialisierung, Träume, Glück und so weiter (oder wie es Douglas Adams einmal treffend ausdrückte: “Das Leben, das Universum und der ganze Rest”). Diese Masse an Ideen und Aussagen, die der Film zum Ausdruck bringt, zeigen sich in der Konsequenz aber eben als konfuses und holprig erzähltes Filmkonstrukt – das Teile des Films aufgrund dessen, das Ledger während der Dreharbeiten verstarb, umgeschrieben werden mussten, hatte sicherlich seinen Anteil an dieser Misere.
Das Problem besteht aber nicht nur aus einem überfrachteten Drehbuch und dem chaotischen Schnitt, sondern es ist auch der Umstand, das bei Gilliam Genie und Unsinn (nein, nicht wahnsinn
) dicht beieinander liegen. In einem Moment überrascht uns der Film z.B. mit subtilen, intelligenten Überlegungen zur menschlichen Existenz und im nächsten Moment kriegt man eine Holzhammermetaphorik um die Ohren gehauen, dass man sich für den Regisseur fremdschämt. So ist Gilliam halt. Trotz allem ist der Film meiner Meinung nach absolut sehenswert. Parnassus gleicht einem wundervollen Gemälde, das bekritzelt, zerknüllt, zerissen und mit Tesafilm wieder zusammengesetzt wurde. Es mag auf den ersten Blick hässlich und keines weiteren Blickes würdig zu sein, aber wer sich die Mühe macht sich etwas länger damit zu beschäftigen kann immer die Schönheit des ursprünglichen Bilds erkenne. Der Film ist letzten Endes ein großartiges Werk über die Auseinandersetzung mit dem inneren Schweinehund, das sich leider selbst ein Bein stellt.
8/10
Tags: colin farell, das kabinett des dr parnassus, heath ledger, johnny depp, jude law, Kritik, terry gilliam



Parnassus gleicht einem wundervollen Gemälde, das bekritzelt, zerknüllt, zerissen und mit Tesafilm wieder zusammengesetzt wurde.
Schöne Metapher!
Ich sehe das ähnlich: Gilliam hätte sich ein bißchen mehr darauf konzentrieren sollen, was er eigentlich ertählen wollte. Gleichwohl aber natürlich ein interessanter Film.
Ich habe Terry Gilliams Filme über die Jahre sehr geschätzt, aber jetzt ist Schluss: Ich rede mir den Dr. Parnassus nicht mehr schön. Eine restlos vergurkte Dramaturgie begräbt alles unter sich. Sehr schade.
“Schöne Metapher!”
Danke
“Ich rede mir den Dr. Parnassus nicht mehr schön. Eine restlos vergurkte Dramaturgie begräbt alles unter sich. Sehr schade.”
Naja, ich hab’ mich noch drei Tage nach dem Kinobesuch mit meiner Freundin über die Bedeutung einzelner Elemente der Handlung “gestritten”. Ein Film der so lange nachwirkt hat definitiv etwas richtig gemacht…zumindest kann ich ihn nicht schlecht bewerten.
Also ich war vorhin noch im Kino und bin von der Empfehlung des Admin nicht enttäuscht worden.
Positiv überrascht hat mich wie nahtlos sich die Lückenfüller für Ledger in den Film eingefügt haben.
Das hätte schlimmer kommen können…
weniger gefallen haben mir die Computeranimationen, es hätte zu dem abegrissenen Flair des Filmes gepasst, wenn sie da mehr mit “schäbiger” (Theater-)Kulisse gearbeitet hätten, wie beim ersten Spiegelgänger.
Außerdem habe ich nicht alle Symbole verstanden, soweit die sich verstehen lassen. Hat jemand die Spiegelgänger mitgezählt? Ist das eine Metapher auf die 12 Apostel und Maria Magdalena aus dem Abendmahl von da Vinci?
Die schönste Frage ist immer noch wen Ledger symbolisieren soll… ich habe absolut keine Ahnung was das mit der Flöte sagen sollte
“wenn sie da mehr mit “schäbiger” (Theater-)Kulisse gearbeitet hätten,”
Ich denke da hast du vollkommen recht, aber vermutlich wäre so eine Umsetzung wesentlich teurer gekommen oder vom Zuschauer als unzeitgemäß abgelehnt worden.
“Außerdem habe ich nicht alle Symbole verstanden”
Wer hat das schon
“ich habe absolut keine Ahnung was das mit der Flöte sagen sollte”
Für den Fall, dass das nicht ironisch gemeint war -> Gilliams Liebe zum deutschen Sagengut endet nicht bei den Gebrüdern Grimm