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Big FIFA is watching you!
Ich gebe es zu: manchmal bin ich etwas naiv. Gestern zum Beispiel. Da dachte ich doch tatsächlich ich könnte einen 15 Sekunden langen Ausschnitt eines WM- Spiels auf Youtube stellen, ohne gleich eins mit dem Urheberrechtshammer übergebraten zu bekommen. Denkste!
Versteht mich nicht falsch. Ich kann das Verhalten der FIFA durchaus nachvollziehen. Fußball ist ein Geschäft. Wo kämen wir hin, wenn jeder Ausschnitte online stellen würde? Die Preise der Verwertungsrechte würden in den Keller fallen. Aber andererseits reden wir hier über 15 Sekunden die keine spielentscheidenden Szenen enthalten. Kein Tor, keine spektakuläre Aktion, nicht einmal eine Schiedsrichterentscheidung (okay, genau darum geht es ja in dem Clip). Des Weiteren hat der Clip keinen kommerziellen Hintergrund und dürfte auch sonst keine finanziellen Einbußen für die FIFA bedeuten. Im Gegenteil, die Szene dürfte das Interesse an einem ansonsten eher mäßig interessanten Spiel steigern, was eine nachträgliche Verwertung vereinfachen dürfte.
Aber fangen wir lieber ganz am Anfang an, bevor ich das weiter vertiefe…
14.06.2010 Italien : Paraguay
Wir befinden uns in der 78. Minute der Partie Italien gegen Paraguay. Ein Eckstoß segelt vor das Tor von Paraguay. Der Italiener Iaquinta und der paraguanische Torwart Villar steigen in die Luft, um den Ball zu erreichen. Beide fokussieren den heran rauschenden Ball. Dann passiert es. Iaquinta fährt seinen rechten Arm nach oben (als würde er ein Tor Gottes vorbereiten wollen
), bemerkt das er den Ball niemals erreichen wird, richtet stattdessen seinen Blick auf Villar, der den Ball problemlos aus der Luft pflückt, und versetzt diesem einen Schlag mit der geschlossenen Faust. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, “entschuldigt” sich Iaquinta direkt im Anschluss mit einem Tätscheln für den “Unfall”. Das Wort “Charakterschwein” fällt mir dazu ein.
Die Zeitlupen nach der Szene beweisen eindeutig, dass es sich um eine absichtliche Tätlichkeit handelt. Doch niemand reagiert. Kein Raunen der Fans, kein Protest der Spieler, kein Pfiff des Schiedsrichters, ja, selbst der Kommentator schweigt. Die Fans, Spieler und der Schiri haben es offensichtlich nicht wahrgenommen. Dafür ging alles zu schnell. Der Kommentator wollte es wohl nicht sehen. Auch nach dem Spiel passiert nichts. Die Szene wird nicht wiederholt. Weder im Netz, Fernsehen noch der Presse wird die hinterhältige Attacke zum Thema gemacht (ich habe auf jeden Fall nichts gefunden).
15.06.2010 Auf Youtube?
Am nächsten Tag will ich die Szene ein paar Leuten zeigen und suche natürlich dort, wo man alles findet: Youtube. Fehlanzeige. Nichts. Ich bin verunsichert. Hab’ ich mir den Schlag nur eingebildet. Habe ich etwas gesehen was gar nicht passiert ist? Sonst steht doch immer alles sofort online. Aber diesmal scheine ich der einzige zu sein, der meint etwas gesehen zu haben (ich sag’ doch, das ich manchmal naiv bin
).
16.06.2010 Selbst ist der Mann
Am nächsten Tag wollte ich es dann doch genau wissen. Ich besorge mir eine Kopie des Spiels von einem Freund, der es bei Sky aufgenommen hatte, schneide die Szene heraus und führe sie mehreren Bekannten vor. Alle waren der gleichen Meinung: eine absichtliche Tätlichkeit. Eingebildet habe ich mir also nichts…aber warum gibt es die Szene dann nicht im Netz zu bewundern? Ich sollte es recht schnell herausfinden.
Ich füge dem Clip also hastig ein paar Untertitel (samt Rechtschreibfehlern und mieser englischer Grammatik…so wie es sich gehört) hinzu und verlangsame die Zeitlupen noch etwas mehr, damit auch der Letzte den Geschehnissen folgen kann. Noch schnell einen Youtube Account erstellt und den Clip hochgeladen. Alles läuft einwandfrei. Klar…von wegen. Beim Einbetten in meinen Blog heißt es plötzlich, dass das Einbetten auf Anfrage deaktiviert sei. Auch auf Facebook wird das Video nicht angezeigt. Ich checke also meine Kontoeinstellungen bei Youtube und was lese ich da?
“Bitte überprüfen sie ihr Video. Es könnte urheberrechtlich geschützten Inhalt enthalten.”
Ahh, es dämmert mir. Die Stichworte, die ich für den Clip vergeben habe, scheinen dafür gesorgt zu haben, dass der Clip im Netz eines Urheberrechtsfilters landet. Ich überfliege die eingeblendeten Infos zu einem möglichen Einspruch meinerseits gegen diese Filterung, überlege wie ich weiter verfahre und rufe noch einmal die Youtubeseite des Clips auf, um dann verwundert festzustellen, dass das Video nun bereits endgültig wegen Urheberrechtsverletzung gesperrt wurde. Es hat also gerade mal 5-15 Minuten seit dem Upload gedauert bis das Video von Youtube überprüft und gesperrt wurde. Wow, die Jungs sind fix.
Geradezu grotesk wurde es dann als ich meine Mails checkte. Um 18:26 Uhr und 9 Sekunden erhielt ich eine Email mit folgendem Inhalt:
Your video, WM 2010 – Italienischer Spieler schlägt den Torwart von Paraguay – Italien:Paraguay, may have content that is owned or licensed by FIFA.
Du musst keine Maßnahmen ergreifen. Wenn dich jedoch interessiert, inwiefern sich dies auf dein Video auswirkt, findest du entsprechende Informationen im Abschnitt zu Video-ID-Treffern deines Kontos.
Um 18:26 Uhr und 13 Sekunden (also vier Sekunden nach der Urheberrechtsmail) erhielt ich dann eine Email in der mir Youtube zum Hochladen meines ersten Clips gratulierte. Lol. Die Jungs sind in Sachen Urheberrecht so fix, dass sie sich sogar selbst überholen.
Bei dieser Mordsgeschwindigkeit rechnete ich fest damit in der nächsten halben Stunde Post von einem Abmahnanwalt zu erhalten, um kurz darauf von der Polizei abgeführt zu werden…
17.06.2010 Ich labere euch voll
Okay, was ich hier beschrieben habe ist keine große Sache, aber je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass dieser ganze Ablauf eigentlich exemplarisch für die aktuelle Urheberrechtsproblematik ist. Ein Rechteverwerter, der nicht die geringste Ahnung von den Mechanismen des Internet hat (aber wer hat die schon), versucht krampfhaft seine Interessen zu wahren, auch wenn das bedeutet tausende User (denn es gibt sicherlich unzählige Nutzer die FIFA Content hochladen) in eine Grauzone des Rechts zu verschieben. Ernsthaft, da stimmt doch etwas im System ganz und gar nicht, wenn man als Ottonormalverbraucher seine Meinung oder Beobachtung mittels eines kleinen Clips unterstreichen will und sich plötzlich kriminalisiert sieht. Dabei könnte die FIFA doch gut anhand dieser Clips verdienen. Warum nicht beispielsweise einen Deal mit Youtube & Co aushandeln, der den Musikvideodeals gleicht? Längere Clips oder besondere Szenen könnten schließlich trotzdem noch gesperrt werden, um die herkömmlichen Verwertungskanäle nicht zu verwässern. Außerdem kann es der FIFA eigentlich auch nicht recht sein, dass Szenen wie Iaquintas Tätlichkeit unter den Tisch fallen. Die FIFA will offensichtlich, dass es bei (und vor allem nach) Spielen zu kontroversen Debatten kommt, sonst wäre der Videobeweis doch längst eingeführt worden. Der Zuschauer soll sich offensichtlich aufregen können, um emotional auf höchster Ebene ins Spiel involviert zu sein. Wer darüber schimpft wird sich wieder eine Karte kaufen/einschalten – sich aufregen gehört ab einem gewissen Punkt eben dazu.
Warum sich auch die Medien eine solche Szene entgehen lassen ist mir ebenfalls ein großes Rätsel. Fürchtet man eine zweite Affäre Frings loszutreten? Will man sich nicht den schwarzen Peter für die Sperrung eines Spielers zuschieben lassen?
Filme haben eine Teilschuld an Amokläufen
Die Debatte um Killerspiele und Gewaltfilme ist nach den Geschehnissen von Winnenden wieder voll entbrannt. Eine leidige Diskussion. Leidig, weil sie nach dem altbekannten Schema ablaufen wird. Konservative Politiker, die nicht die geringste Kompetenz in den von ihnen angekreideten Bereichen aufweisen, werden versuchen sich durch den lauten Schrei nach schärferen Gesetzen zu profilieren. Zur Selbstkritik unfähige Jugendliche werden dann weinerlich darüber schimpfen, dass man ihnen ihre Lieblinge wegnehmen will und opportunistische Funktionäre der Grünen werden versuchen sich bei zukünftigen Wahlen günstigere Ausgangspositionen zu sichern, indem sie sich auf die Seite der armen Jugend stellen. Nicht zu vergessen die Lobby der Psychologen, die sich ganz „objektiv“ für bessere Betreuung an Schulen aussprechen wird, um noch mehr Kohle für unnütze Projekte abzustauben. Die Debatte wird vielen individuellen Interessen dienen, aber am eigentlichen Problem mal wieder gar nichts ändern.
Die Realität akzeptieren
Es wird Zeit, dass die Politik die „Realität“ in den Kinderzimmern akzeptiert. Weder Counter Strike noch Hostel sind ernstzunehmende Hinweise für Gewaltbereitschaft. Diese Medienprodukte zeugen nur vom schlechten Geschmack einer ganzen Generation und der Einfallslosigkeit der Produzenten. Es wird aber auch Zeit, dass die Gamer und Filmsüchtigen akzeptieren, dass der unkontrollierte Konsum von Gewalt verherrlichenden Medienprodukten keinesfalls unbedenklich ist. Es stimmt einfach nicht, dass Filme oder Spiele uns nicht wirklich beeinflussen würden. Das bedeutet nicht, dass eine generelle Zensur ausgeübt werden sollte, aber gewisse Veränderungen an den Inhalten wären eine Option – ein Spiel wird nicht besser, wenn es blutiger gestaltet ist. Und wenn man sich gegen derartige Veränderungen entscheidet, was aus Gründen der Freiheit der Kunst durchaus nachvollziehbar wäre, so sollte man doch wenigstens ein gewisses Problembewusstsein bei den Beteiligten schaffen. Es gibt zu viele Eltern die ihre Kleinen vor das „Kinderprogramm“ der privaten Fernsehsender setzen, ohne sich die geringsten Gedanken über die Tauglichkeit der Programminhalte zu machen – Zeichentrick ist halt für Kinder, gell?
Die Schuld der Medien
Und da wären natürlich noch die besagten Psychologen, die ja nur zu gut wissen, woher die Gewaltausbrüche unter Jugendlichen rühren. Ist ja auch nicht schwer diese Ursachen zu erkennen, jeder Schimpanse kann das. Wir leben in einer Gesellschaft, die dem Einzelnen über die Medien permanent den Eindruck vermittelt, dass nur Menschen die gewissen Kriterien entsprechen, einen Wert haben. Wer zu diesen Helden der Gesellschaft gehören will, muss sich beeilen und anstrengen, denn all die anderen Versager wollen schließlich auch ihren Platz im Paradies. Konkurrenz belebt das Geschäft und zerbricht nebenher die nicht ganz so Durchsetzungsfähigen. Es ist Paradox, um nicht zu sagen verlogen, dass wir in unserer angeblichen Aufgeklärtheit den Sozialdarwinismus öffentlich verurteilen und doch gleichzeitig voll ausleben. Solange wir verachtenswerten Müll wie DSDS, Germany’s Next Top Model oder Der Starpraktikant (geht es denn noch dümmer?) in die Wohnzimmer senden, wird auch das größte Anti-Mobbing Programm für Schulen keine Änderung der vorherrschenden Situation herbeiführen.
Du bist allein
Ob es nun um magersüchtige Mädchen oder zum Amoklauf bereite Jungs geht: Die westliche Medienlandschaft ist die Ursache der Probleme. Sie gibt unerreichbare Ziele vor und vermittelt den Eindruck, dass diejenigen, die diese Ziele nicht erreichen können oder wollen, armselig sind. Dank der Medien fühlt sich der Einzelne noch kleiner, schwächer und unbedeutender. Ein durchaus gewünschter Nebeneffekt, erwachsen doch aus diesem Gefühl der Unzulänglichkeit neue Absatzmärkte für miese Actionfilme, Egoshooter und anderen Müll – irgendwie muss man schließlich diese Gefühle verarbeiten. Und sollte dann mal wieder jemand durchdrehen hat man praktischer Weise wieder ein Thema, um die Printmedien am Leben zu halten.
Blah Blah Blah
Seien wir ehrlich: Die Wenigsten von uns wären bereit, die Gesellschaft in dem Ausmaß zu ändern, wie es nötig wäre, um die entstandenen Probleme zu beseitigen. Vermutlich wäre es auch gar nicht möglich. Es ist also egal wie viel über das Thema geredet und geschrieben wird. Es wird sich nichts ändern.



