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Warum hasse ich…Robin Hood!?

Oberflächlich betrachtet ist Robin Hood ein einigermaßen unterhaltsamer und ziemlich durchschnittlicher Hollywoodstreifen. Ein Saubermann als Held, viel Action und eine nicht allzu fordernde Story. Bei näherer Betrachtung fällt aber recht schnell auf, dass sich Ridley Scotts neuer Film in erster Linie durch Widersprüchlichkeiten auszeichnet.

Das fängt schon in der Person des Robin Hood an. Der ist ein netter, aufrichtiger und geradezu ritterlicher Kerl – eben ein Held wie er im Bilderbuch steht. Warum das widersprüchlich sein soll? Nun zu Beginn des Films wird dem Zuschauer erzählt, dass die Kinder Nottinghams “verwildert” im anliegenden Wald hausen und die Gegend terrorisieren, weil sich ihre Väter auf einem Kreuzzug im heiligen Land befinden. Ohne Vorbild kein wohlerzogenes Kind lautet die psychologische Gleichung, die der Drehbuchautor hier heranzieht (er ist offensichtlich Abonnent der „Psychologie Heute“ und der Meinung, dass alleinerziehende Mütter ihre Kinder “verwildern” lassen). Dumm nur, dass auch Robin bereits mit sechs Jahren von seinem Vater “in die Welt der Männer entlassen” wurde. Warum aber wird aus Robin (seine Mutter wird erst gar nicht erwähnt. Da zeichnet sich doch ein Bild ab…vielleicht sollte sich der Drehbuchautor auf ein klärendes Gespräch mit seiner Mutter treffen) ein moralisch einwandfreier Gutmensch, der für das “Richtige” eintritt, während die Kinder Nottinghams am Rad drehen?

Nein, es ist doch ziemlich offensichtlich, dass die Figur des Robin Hoods am Reisbrett entworfen wurde, um die hoffnungslos zerfahrene Story halbwegs glaubhaft beieinander zu halten. Er ist ein bisschen der kämpferische Aufständische alá Spartakus, ein wenig ein Feldherr wie George Washington, noch dazu der Typ der irgendwie die Magna Carta durchgesetzt hat und wenn es hart auf hart kommt auch ein eloquenter Rhetoriker, der es selbst mit Cicero aufgenommen hätte (kein Wunder, ist sein Vater doch ein philosophischer Steinmetz gewesen…lol, das ist eine dermaßen dümmliche Idee, dass ich sie nicht auch noch extra durch den Kakao zu ziehen brauche). Vor allem aber ist der gute Robin ein Mann aus der Mitte des Volks – der Zuschauer muss sich ja identifizieren können – auch wenn das bedeutet, dass man sich völlig von einer glaubwürdigen Charakterzeichnung verabschiedet. Als ob es dem Zuschauer Probleme bereiten könnte sich mit diesem bis zur Unkenntlichkeit glattgeschmirgelten Tausendsassa zu identifizieren.

Widersprüchlichkeit findet sich aber auch auf der visuellen Ebene. Als geradezu legendär daneben würde ich beispielsweise den Showdown bezeichnen. Die bösen Franzosen landen an der Küste Englands und Robin versucht sie mit seinen Mannen zurückzuschlagen. Aus unerfindlichen Gründen hat sich Scott für diese Invasion die Landung der Alliierten in der Normandie im zweiten Weltkrieg zum Vorbild genommen. Die Landungsboote der Franzosen wirken wie mittelalterliche Vorgänger jener Boote, die die Amerikaner verwendeten. Auch werden die französischen Truppen zum großen Teil, noch bevor sie die Boote verlassen können, vom Pfeilhagel der Engländer niedergemetzelt. Genauso wie es damals den armen Schweinen ging, die von deutschen MG-Stellungen niedergemäht wurden. Vollends auf den Gipfel getrieben wird diese Übereinstimmung, wenn Scott dem Zuschauer auch noch Bilder des sich vom Blut Rot färbenden Meereswassers präsentiert. Was aber will uns der Regisseur mit dieser Analogie sagen? Das die Franzosen arm dran sind und Robin Hood eigentlich auch nur ein besserer Nazi ist? Oder bedeutet das alles vielleicht doch nur, das Ridley Scott mit der Zeit zu einem dermaßen ignoranten Stümper mutiert ist, dass er mittlerweile glaubt er könne seine Zuschauer völlig nach Belieben mit Bildern aus dem Fundus des kollektiven Unterbewusstseins füttern, weil sie sowieso nicht in der Lage wären, eins und eins zusammen zu zählen? Aber vielleicht bemerkt der gute Mann einfach generell nicht mehr was er tut.

Nur noch mit dem Kopf schütteln kann ich auch, wenn ich sehe, dass der Film, der ja in gewisser Weise ein „Robin Hood Begins“ sein will, es nicht einmal fertig bringt, dem Zuschauer zu erklären, warum Robin den Beinamen “Hood” verliehen bekommt. Robin heißt in Scotts Version eigentlich Longstride, gibt sich im Verlauf der Geschichte als Sir Loxley aus (dieser Name wird den meisten aus früheren Verfilmungen des Stoffs schon eher bekannt vorkommen), um dann am Ende des Films plötzlich als Robin Hood bezeichnet zu werden. Allein es wird nicht einmal im Ansatz zu erklären versucht, woher dieser Name kommt. Das ist Beispielhaft für die gesamte Handlung, die insgesamt den Eindruck hinterlässt, als würden Handlungselemente wahllos aufgegriffen, fallengelassen, verdreht oder schlichtweg vergessen. Hier zeigt sich aufs deutlichste, was das mehrmalige Umschreiben eines Drehbuchs für negative Konsequenzen haben kann (vielleicht ist der Film aber auch im Schnitt verstümmelt worden). Ich vermute, dass hier in einem Ausmaß am Skript herumgedoktert wurde, dass der Autor, Brian Helgeland, der für die letzte Fassung des Drehbuchs verantwortlich zeichnet, bei einigen Szenen selbst nicht mehr wusste, weshalb sie ursprünglich im Skript standen. Nach dem Motto: „Wofür war das noch mal? Egal, hört sich cool an. Lassen wir drin“.

Aus einigen Szenen lassen sich nämlich noch durchaus gewisse Theorien zur Namensentstehung ableiten. “Hood” was so viel wie Kapuze heißt, könnte man im Zusammenhang mit einem Gesetzesbrecher als Maskierung interpretieren. Siehe da, der Anführer der verwilderten, diebischen Kinder trägt eine Maske (wie aus einem schlechten Horrorfilm). Da liegt die Vermutung nahe, dass in einer früheren Fassung des Drehbuchs aus eben jenem maskierten Anführer Robin Hood werden sollte. Dann wäre auch die erwähnte psychologische Gleichung im Zusammenhang mit Longstrides Vorgeschichte keineswegs mehr widersprüchlich. So aber handelt es sich einfach nur um eine seltsame Figur, die im Prinzip grundlos in die Geschichte eingefügt wurde.

Tja, Robin Hood will originell sein, ist aber nur ein klischeehafter Mix aus einem halben Dutzend anderer Verfilmungen des Stoffs. An sich wäre das ja tolerierbar, würde der Film nicht den Fehler begehen und dem Zuschauer weismachen wollen, dass er die “wahre” Geschichte hinter dem Mythos erzählen würde…wer so anmaßend ist, wird von mir entsprechend hart beurteilt.

4/10

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